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"Angst ist der Zwillingsbruder des Todes"

 02.04.2008

Die Exil-Iranerin Ghazal Omid setzt sich im kanadischen Exil für politische Häftlinge im Iran ein.

Ghazal Omid, iranisch- kanadische Autorin, im Interview über die Chance auf Ver¬änd¬erungen im Iran und das Verhältnis Iran-USA

Die iranisch-kanadische Autorin Ghazal Omid glaubt nicht, dass Veränderungen im Iran durch Wahlen zu erreichen sind. Im kanadischen Exil setzt sie sich für politische Häftlinge im Iran ein. Ein möglicher Militärschlag der USA gegen den Iran würde ihrer Meinung nach nur der derzeitigen Regierung nutzen, sagt sie im Interview mit derStandard.at. Die Fragen stellte Michaela Kampl.

 

derStandard.at: Wieso haben Sie 1995 den Iran verlassen?

Omid: Mich hat unter anderem die Angst vor der iranischen Regierung dazu veranlasst. Ich wusste, dass ich aus dem Gefängnis wohl nichts Positives für die Freiheit der iranischen Bevölkerung würde beitragen können. Außerdem musste ich an meine Familie denken. "Angst ist der Zwillingsbruder des Todes", wie wir auf Farsi sagen. Ich bin keine furchtlose Person, aber ich lebe ohne Angst, auch weil ich an Gott glaube. Aber ich habe auch gelernt, dass man mit Beten allein keine Häftlinge befreien kann.

derStandard.at: Woher beziehen Sie ihre Informationen darüber was im Iran passiert?

Omid: Ich bekomme meine Information von aktiven, politisch interessierten Menschen. Das sind meist gut ausgebildete Leute, die an der Zukunft des Iran interessiert sind, aber keine aktive Rolle in der Opposition spielen. Diese Menschen arbeiten in allen möglichen Bereichen - unter ihnen sind Anwälte, normale Studenten und Lehrer. Sie wollen Veränderung, sind aber nicht in der Lage selber dazu beizutragen. Sie würden ihren Lebensunterhalt und ihre Existenz riskieren, wenn sie sich aktiver und sichtbarer für die Anliegen der Opposition engagieren würden.

Bei unserer Zusammenarbeit achten wir darauf, dass niemand ins Gefängnis kommt. Denn sobald jemand einmal festgenommen wurde, ist damit zu rechnen, dass derjenige auch weiterhin unter Beobachtung steht. Ich bekomme aber nicht nur politische Informationen, sondern berichte auch über den Alltag im Iran.

derStandard.at: Haben sie noch Familie und Freunde im Iran?

Omid: Ja, habe ich. Aber ich habe mit meiner Arbeit ein Tabu gebrochen. Mein Buch "Living in Hell" basiert auf den Erlebnissen von Tausenden von missbrauchten Frauen im Iran.

Meine eigene Familie war auch Teil der männlich dominierten Gesellschaft, in der Frauen missbraucht und die Täter unter dem Schutz der Schariah meist damit davonkommen. Weil ich mich dafür entschieden habe, darüber zu schreiben, gab es eine Spaltung in meiner Familie. Aber ich wäre eine Heuchlerin, wenn ich meine eigene Geschichte ignorieren und nur die anderen kritisieren würde.

derStandard.at: Was denken sie über die kürzlich stattgefundenen Parlamentswahlen im Iran?

Omid: Ich glaube nicht, dass mit Wahlen eine Veränderung im Iran erreicht werden kann. Die Wahlen dort sind nicht so frei, wie in der Wahlwerbung behauptet. Jeder, der seine Stimme abgibt, bekommt einen Stempel auf seine Geburtsurkunde. Leute, die einen Regierungsjob haben, müssen damit rechnen, ihren Job zu verlieren, wenn sie nicht zur Wahl gehen. Die langen Schlangen vor den Wahllokalen sind nicht überraschend, wenn Memos an Angestellte geschickt werden, um sie daran zu erinnern zur Wahl zu gehen. In Regionen wo die Menschen kaum Regierungs-Jobs haben, lag die Wahlbeteiligung bei weniger als 40 Prozent.

derStandard.at: Können die Reform-Parteien, die bei den Wahlen gestärkt wurden, etwas zum Positiven verändern?

Omid: Im Unterschied zu vielen westlichen Politikern glaube ich nicht, dass die Reformer die Antwort auf die Gebete aller sind. Die Reformisten sind die zweitstärkste Partei im Iran, aber sie fordern im Grunde nichts anderes als die Hardliner. Beide wollen eine Islamische Republik Iran. Die Unterschiede zwischen den zwei Parteien sind lediglich einige Details.

derStandard.at: Wie sehen Sie die Zukunft des Verhältnisses Iran-USA?

Omid: Das kommt auf den nächsten US-Präsidenten an und es ist noch zu früh, um zu sagen wer das sein wird. Aber für die Iraner gibt es zwei Dinge, die sie nicht wollen: Einen Krieg und Verhandlungen mit der iranischen Regierung. Die Regierung ist der Feind der iranischen Bevölkerung. Diejenigen die mit ihr verhandeln, werden so auch zum Feind von 85 Prozent der Iraner, die zu diesem Regime Nein sagen, aber nicht in der Lage sind, sich dagegen zu wehren.

derStandard.at: Glauben Sie, dass es zu einem Militärschlag der USA gegen den Iran kommen wird?

Omid: Darüber kann niemand eine ernstzunehmende Voraussage machen ohne die Informationen der Geheimdienste und des Militärs zu kennen. Aber ich hoffe, dass es niemals dazu kommen wird. Krieg ist nicht die Lösung für die Probleme des Iran.

Ein Krieg mit dem Iran würde auch eine chaotischen Nahen Osten und das Ende aller Friedenshoffnungen in der Region bedeuten. Wenn die USA einen regionalen Krieg beginnen, würden auch die Menschen, die gegen die aktuelle Regierung auftreten, keine andere Wahl haben, als für einen souveränen Iran zu kämpfen.

derStandard.at: Denken Sie, dass der Iran als Nuklearmacht eine Gefahr für andere Länder wäre?

Omid: Nach den mit zugänglichen Informationen wird der Iran zumindest in den nächsten fünf Jahren keine Atom-Macht werden. Sollte der Iran aber eine Atom-Macht werden, denke ich, dass das eine wirkliche Gefahr wäre.

derStandard.at: Sind die Iraner noch an Politik interessiert?

Omid: Iraner sind immer noch leidenschaftlich an Politik interessiert. Aber es gibt zwei verschiedene Sichtweisen: Viele Iraner, die noch im Land leben, beschweren sich über die Vorstellungen der Exil-Iraner, dass bei den harten Lebensumständern einfach jeder aktiv werden müsse. Iraner wollen nicht einfach nur eine weitere Revolution. Sie habe schmerzhaft gelernt, dass Revolution nicht automatisch Demokratie bedeuten muss. (derStandard.at, 31.3.2008)

Zur Person: Ghazal Omid ist eine kanadisch-iranische Autorin und Gründerin der NGO "Iran & Its Future.org". Die Organisation setzt sich für politische Häftlinge im Iran ein. Omid kämpft auch in ihren Büchern für die Rechte der iranischen Bevölkerung und für eine Alternative zum Krieg gegen den Iran. In ihrem autobiografischen Werk "Living in Hell" verarbeitet sie ihre eigenen Erlebnisse mit dem repressiven iranischen Staatsapparat. Aus Angst vor weiteren Repressalien und einem Gefängnisaufenthalt verließ Omid 1995 den Iran, dessen "Tyrannei" die 38-Jährige nach eigenen Angaben schon seit ihrem 14. Lebensjahr bekämpft.

 

 

Qazimohamad

Dr.Abdulrahman Qasmlu

Dr.Sadeq  Scharafkandi