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20. Jahrestag der Ermordung Dr. Abdulrahman Ghassemlous Symposion vom 6. Juli 2009 im Albert Schweitzer-Haus in Wien

 09.07.2009

Rede der Witwe Helen Ghassemlou

Kinder, die vor 20 Jahren zur Welt kamen, sind heute Erwachsene. Viele von ihnen verstehen nicht, was in Wien im Jahr ihrer Geburt geschehen ist und was die österreichische Justiz daran gehindert hat zu tun, was von ihr zu erwarten gewesen wäre. Sie können nicht verstehen, warum sich die höchste Instanz des Justizwesens, der Oberste Gerichtshof, in einem demokratischen Land weigerte, die Umstände zu untersuchen, unter denen ein abscheuliches, dreifaches Verbrechen begangen wurde. Sie verstehen nicht, warum zwei der Tatverdächtigen, die bereits in polizeilichem Gewahrsam waren, freigelassen wurden und ihnen die Ausreise aus Österreich gestattet wurde. Sie können nicht begreifen, warum direkte und indirekte Beweise für die Verwicklung des iranischen Staates von den österreichischen Behörden vertuscht und unter den Teppich gekehrt wurden. Auf all das gibt es bis heute keine verständliche Antwort.

 

Seit damals sind viele Bücher und Analysen geschrieben worden, die das Leben, die Leistungen, den Kampf und die Persönlichkeit Abdulrahmans in Erinnerung rufen. Allerdings sind diese Schriften widersprüchlich, weil sie von den jeweiligen politischen Grundsätzen und den persönlichen Einstellungen der Autoren zu Ghassemlou bestimmt werden. Damit kann die junge Generation der Kurden von heute die Wahrheit nicht finden.

 

Jahrelang habe ich gemeinsam mit meinen kurdischen, iranischen und österreichischen Freunden sowie mit jenen aus anderen demokratischen Ländern, mit Juristen und Journalisten versucht, die eigentliche Arbeit der in Österreich verantwortlichen Behörden zu leisten und der Weltöffentlichkeit die Wahrheit zu enthüllen, nämlich auf den Staatsterrorismus Irans hinzuweisen. Aber ohne Zugriff auf die Verbrecher, die schon in den Iran geflüchtet waren, und ohne Beweise in der Hand konnten wir nur an die Weltöffentlichkeit appellieren, sie aber nicht zum Handeln bringen. Wir waren durch die Verantwortungslosigkeit der österreichischen Regierung im Bezug auf Gerechtigkeit und das kurdische Volk ohnmächtig. Das Höchstgericht, das eigentlich unabhängig hätte sein sollen, hat sich den Bedürfnissen der Regierung untergeordnet und mir jegliche gerichtliche Vorgangsweise verweigert.

 

Die Geschichte braucht ihre Zeit, um den Kampf Abdulrahmans und die Wahrheit über seine Ermordung gründlich zu erforschen. Die Geschichte wird alles, das gesagt und geschrieben wurde und ebenso die Archive und die Polizeiberichte analysieren – und erst dann wird Gerechtigkeit geübt werden. Heute ist die Wahrheit noch verborgen und die „Wiener Affäre“ ungelöst.

 

Lassen Sie mich hier zu einigen Hoffnungen Stellung nehmen:

Die Islamische Republik Iran ließ Abdulrahman in der Hoffnung verschwinden, dass er auch aus dem kollektiven Gedächtnis des kurdischen Volkes verschwinden würde. Er ist stattdessen ein nationaler Held geworden und sowohl im Iran als auch bei Demokraten im Ausland gut bekannt.

Die Ayatollahs verachteten Abdulrahman wegen seiner humanistischen Ideen und dafür, dass er diese auch in jener Zeit umsetzte, in der die Demokratische Partei Kurdistans im Iran ein riesiges Gebiet von Kurdistan selbst verwaltete. Sie verachteten ihn, weil er die Zuneigung und die Liebe des kurdischen Volkes und die Bewunderung vieler Iraner gewonnen hatte. Indem sie ihn töteten, hofften sie, auch seine Ideen zu vernichten und gemeinsam mit ihm zu begraben. Stattdessen gibt es heute, 20 Jahre nach seinem Tod, politische Parteien, Organisationen und Einzelpersonen, die hinter seinen Leistungen und seinen Zielen stehen und weiterhin seine Verteidiger und Nachfolger sind.

 

Jetzt gerade haben die Ergebnisse der Präsidentenwahl im Iran unbestreitbar die Unzufriedenheit der iranischen Bevölkerung und insbesondere der jungen Generation mit der totalitären Herrschaft des religiösen Regimes gezeigt und damit die Sorgen der Weltöffentlichkeit um die Zukunft des Iran bestätigt.

 

Die Republik der Mullahs gibt vor, für eine gerechte und humane Regierung zu stehen, die auf den Grundlagen der Gesetze des Koran aufbaut, und sie möchte als solche auch von den politischen Führungspersonen der Welt und von der Weltöffentlichkeit gesehen werden. Stattdessen ist der Iran durch die Ermordung Abdulrahmans und Hunderter anderer iranischen Demokraten als Terrorstaat gebrandmarkt.

 

Das Leben Abdulrahmans und sein Kampf für Menschenrechte des kurdischen Volkes sowie für Freiheit und Demokratie im Iran sind ein wertvolles, unschätzbares Erbe, das er hinterließ. Seit 20 Jahren beeinflusste und beeinflusst dieses Erbe seine Nachwelt – und das spricht für die Richtigkeit seiner Ideen und Taten.

 

Anmerkung:

Die Übersetzung basiert auf dem englischen Manuskript der Rede.

 

 

 

Qazimohamad

Dr.Abdulrahman Qasmlu

Dr.Sadeq  Scharafkandi